Berserker und Fliegenpilz: Nutzten die Wikinger ihn wirklich?

Der „Berserker-Pilz“ ist der Fliegenpilz, Amanita muscaria. Die Geschichte, Wikinger-Berserker hätten ihn vor der Schlacht gegessen, ist eine Theorie aus dem Jahr 1784, keine belegte Tatsache. Archäologische Belege gibt es nicht, und die Wirkungen des Pilzes passen schlecht zu den Sagas.

Zuletzt aktualisiert 17. Oktober 2026 · Nordic Nita

Gemälde eines Wikingerkriegers im Bärenfellumhang am Waldrand mit Fliegenpilzen im Vordergrund

Nutzten die Wikinger den Fliegenpilz?

Dafür gibt es keine verlässlichen Belege. Die Idee, Berserker hätten vor der Schlacht Fliegenpilz (Amanita muscaria) gegessen, wurde erstmals 1784 geäußert, mehr als 700 Jahre nach der Wikingerzeit, und kein archäologischer Fund stützt sie.1,3 Es ist eine populäre Theorie, keine gesicherte Tatsache.

Die BehauptungBerserker aßen Fliegenpilz, um in ihre Kampfwut zu geraten
Erstmals geäußert1784 vom schwedischen Autor Samuel Ödmann1
GrundlageBerichte über den Gebrauch des Fliegenpilzes bei sibirischen Völkern1
Archäologische BelegeKeine für den Fliegenpilz3
Wichtigste GegentheorieSchwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), vorgeschlagen 20191
Was Historiker sagenMöglicherweise nutzten Berserker keines von beiden3

Was ist der Berserker-Pilz?

„Berserker-Pilz“ ist ein Beiname des Fliegenpilzes, Amanita muscaria, des roten Pilzes mit weißen Punkten. Der Name geht auf die Theorie zurück, nordische Berserker hätten ihn vor dem Kampf verwendet. Es ist keine eigene Art. Was der Pilz tatsächlich ist, lesen Sie in unserem Steckbrief zu Amanita muscaria.

Wer waren die Berserker?

Den nordischen Sagas zufolge waren Berserker Elitekrieger, die in einem tranceartigen Zustand der Raserei kämpften.2 Das Wort wird meist mit Bärenfellen in Verbindung gebracht. Eine Deutung ist „Bärenfell“, nach den Pelzen, die sie getragen haben sollen, eine andere „bärenstark“.2,3

Die Sagas beschreiben, wie sie mit großer Kraft und ohne Schmerzempfinden kämpften, wie Tiere heulten, in ihre Schilde bissen, mit klappernden Zähnen zitterten, ihre Rüstung abwarfen und Freund nicht von Feind unterschieden. Danach waren sie tagelang geschwächt.1,2

Für all das gilt eine Einschränkung. Ausführliche Berichte über Berserker wurden erst aufgeschrieben, nachdem die christliche Kirche die Tradition verboten hatte; die Beschreibungen sind also keine Augenzeugenberichte.1

Woher stammt die Pilz-Theorie?

Die Theorie stammt aus dem Jahr 1784, als der schwedische Autor Samuel Ödmann vermutete, Berserker hätten Fliegenpilz eingenommen. Die Idee war vermutlich vom dokumentierten Gebrauch des Pilzes bei sibirischen Völkern beeinflusst und wurde zur am häufigsten wiederholten Erklärung.1

Forschende haben keine historische Quelle gefunden, nach der Krieger vor der Schlacht irgendeine Substanz eingenommen hätten.3

Passt der Fliegenpilz zu dem, was die Sagas beschreiben?

Nicht gut. 2019 verglich der Ethnobotaniker Karsten Fatur die Beschreibungen der Sagas mit den bekannten Wirkungen des Fliegenpilzes und fand mehrere Widersprüche. Aggression ist bei Fliegenpilzvergiftungen selten, Magenbeschwerden treten früh auf, und die Nachwirkungen halten nicht tagelang an.1

Beschreibung in den SagasFliegenpilzBilsenkraut
Raserei und AggressionSelten1Häufiges Symptom1
Kein SchmerzempfindenKeine schmerzstillende Wirkung2Lindert Schmerzen1
Rotes, geschwollenes GesichtIm Vergleich nicht beschriebenBeschrieben1
Abwerfen der KleidungIm Vergleich nicht beschriebenDokumentiert1
Tagelange Schwäche danachPasst nicht1Nachwirkungen können Tage anhalten1
Schildbeißen, ZähneklappernNicht erklärtNicht erklärt2

Was besagt die Bilsenkraut-Theorie?

Botanische Illustration des Schwarzen Bilsenkrauts (Hyoscyamus niger) mit violett geaderten gelben Blüten und Samenkapseln

Fatur argumentiert, dass das Schwarze Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), eine giftige Pflanze aus der Familie der Nachtschattengewächse, besser zu den Beschreibungen der Sagas passt als der Fliegenpilz. Zu seinen Wirkungen gehören Raserei, Delirium, verringertes Schmerzempfinden, ein gerötetes Gesicht und Nachwirkungen, die tagelang anhalten.1

Bilsenkraut war im wikingerzeitlichen Skandinavien vorhanden. Ein dänisches Grab aus der Zeit um 980 n. Chr. enthielt einen Beutel mit Bilsenkrautsamen neben einer Frau, deren Kleidung und Grabbeigaben auf eine Priesterin oder Schamanin hindeuten, und an wikingerzeitlichen Fundorten in Dänemark und Finnland wurden Bilsenkrautsamen gefunden.1

Fatur benennt die Grenzen deutlich. Er schreibt, dass die archäologischen und historischen Belege nicht ausreichen, um die Theorie zu beweisen oder zu widerlegen, und stellt sie als spekulativen Beitrag eines Ethnobotanikers dar, nicht als Urteil eines Historikers.1

Was sagen Historiker und Archäologen?

Sie stehen beiden Pflanzen skeptisch gegenüber. Anneleen Kool vom Naturhistorischen Museum in Oslo akzeptiert, dass Bilsenkraut in der Wikingerzeit vorhanden war, hält die Argumentation aber für spekulativ und bezweifelt, dass berauschte Krieger wirksam hätten kämpfen können.3

Karoline Kjesrud vom Kulturhistorischen Museum in Oslo weist darauf hin, dass „Berserker“ wahrscheinlich „bärenstark“ bedeutete, und fragt, warum mittelalterliche Quellen schweigen sollten, wenn Krieger vor der Schlacht Drogen genommen hätten. Das in wikingerzeitlichen Ausgrabungen gefundene Bilsenkraut wird als Heilmittel gedeutet.3

Was versetzte die Berserker also in Raserei?

Das weiß niemand. Möglicherweise nutzten Berserker weder Fliegenpilz noch Bilsenkraut. Andere vorgeschlagene Erklärungen sind Rituale, Epilepsie, psychische Erkrankungen und Alkohol.3 Da die Quellen lange nach den Ereignissen entstanden, wird sich die Frage vielleicht nie klären lassen.

Sicher ist: Die Verbindung zum Fliegenpilz ist eine Idee des 18. Jahrhunderts ohne archäologische Grundlage,1,3 und die bekannten Wirkungen des Pilzes passen schlecht zu den Sagas.1

Wurde der Fliegenpilz überhaupt von Menschen genutzt?

Ja, aber der gut dokumentierte Gebrauch ist sibirisch, nicht wikingisch. Der Fliegenpilz wird seit der Antike im Zusammenhang mit mystischen Praktiken konsumiert,4 und sein Gebrauch bei sibirischen Völkern ist der Grund, warum er überhaupt mit den Berserkern in Verbindung gebracht wurde.1

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Häufig gestellte Fragen

Was ist der Berserker-Pilz?

Berserker-Pilz ist ein Beiname des Fliegenpilzes, Amanita muscaria. Er geht auf die Theorie zurück, nordische Berserker hätten ihn vor der Schlacht gegessen. Es ist keine eigene Art.

Nutzten die Wikinger den Fliegenpilz?

Dafür gibt es keine verlässlichen Belege. Die Theorie wurde erstmals 1784 geäußert, lange nach der Wikingerzeit, und kein archäologischer Fund stützt sie.

Was versetzte die Berserker in Raserei?

Das weiß niemand. Vorgeschlagen wurden Fliegenpilz, Bilsenkraut, Rituale, Epilepsie, psychische Erkrankungen und Alkohol. Historiker weisen darauf hin, dass Berserker möglicherweise gar keine Substanz nutzten.

Ist die Berserker-Geschichte wahr?

Berserker werden in den nordischen Sagas beschrieben, doch die ausführlichen Berichte wurden erst aufgeschrieben, nachdem die christliche Kirche die Tradition verboten hatte. Die Beschreibungen sind daher keine Augenzeugenberichte.

Warum halten manche Forschende Bilsenkraut für wahrscheinlicher?

2019 argumentierte der Ethnobotaniker Karsten Fatur, dass die Wirkungen des Bilsenkrauts – Raserei, verringertes Schmerzempfinden, ein gerötetes Gesicht und tagelange Nachwirkungen – besser zu den Sagas passen als der Fliegenpilz. Er stellt dies als spekulativ dar, nicht als bewiesen.

Weitere Ratgeber

Quellen

  1. Fatur K. (2019). Sagas of the Solanaceae: Speculative ethnobotanical perspectives on the Norse berserkers. Journal of Ethnopharmacology, article 112151. doi:10.1016/j.jep.2019.112151
  2. Medievalists.net (2019). Did Henbane make Berserkers go Berserk?
  3. Science Norway. Crazed Viking warriors may have been high on henbane.
  4. Michelot D., Melendez-Howell L.M. (2003). Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research 107(2): 131–146. doi:10.1017/s0953756203007305

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